Das Grazer Unternehmen Guid.New GmbH hatte 2016 mit ihrer Gründung unter dem Namen xeet ihre Selbstständigkeit im Viererteam begonnen.
Die Gründer Bernd Hirschmann, Jakob Hohenberger, Stefan Schnuderl und Harald Schaffernak entwickelten einen Chatbot, der die Organisation von Sportgruppen erleichtert, indem er verschiedene Kanäle wie Whatsapp, Mail und SMS miteinander verknüpft. Jeder Nutzer sollte die Möglichkeit besitzen das Kommunikationstool zu nutzen, welches er am liebsten verwendet. Der Bot fragt, wer kommt, verarbeitet die Antworten und erinnert die Teilnehmer.
Simple für die Nutzer – eine echte Herausforderung für die Entwickler.
Wie es zur Gründung und Entwicklung von xeet kam und warum das Projekt anders verlief als geplant, erfahrt ihr im folgendem Interview der vier Gründer.


Fotos von Otmar Winterleitner (www.lichtmeister.com)

Anna: Wie kamt ihr auf die Idee für xeet?
Bernd: Die Idee hinter xeet entstand schon vor einigen Jahren. Ich habe damals regelmäßig im Freundeskreis Volleyball gespielt und dabei die Organisation übernommen. Das heißt ich bin jede Woche allen Leuten nachgelaufen und habe über WhatsApp, Facebook und SMS versucht in Erfahrung zu bringen, ob wir genügend Leute sind und ob ich die Halle reservieren muss. Mit der Zeit war mir dies zu mühsam und ich kümmerte mich nicht mehr darum. Kurz darauf löste sich die Gruppe auf und viele der Leute verloren sich leider aus den Augen.
Jakob und ich hatten vorher schon daran gedacht, ob wir uns nicht gemeinsam selbstständig machen. Wir sind einige Ideen durchgegangen. Und da er mit Fußball das gleiche Problem mit der Organisation hatte, entschieden wir uns für die Idee mit xeet.
Harald: Bernd und ich kannten uns von der Uni, er ist mit dieser Idee zu mir gekommen und so bin ich Teil des Teams geworden.

Anna: Was war eure Intension hinter xeet?
Bernd: Die Idee entstand zwar aus einem Eigenbedarf, aber Ziel war es, möglichst viele Leute zu gemeinsamen Sport und anderen Aktivitäten zusammenzubringen.
Jakob: Wir wollten unsere eigenen Sportgruppen leichter organisieren und so pro Sportgruppe etwa eine Stunde die Woche einsparen.

Anna: Wie schnell habt ihr eine Förderung erhalten?
Jakob: Wir kümmerten uns anfangs wenig um Förderungen. Die erste Förderung der SFG kam relativ schnell, FFG reichten wir erst ganz zum Schluss ein und bekamen sie bewilligt.
Stefan: Die Förderstellen waren sehr kooperativ und entgegenkommend, die Stadt Graz und die SFG sind mir sehr positiv in Erinnerung. Für ein junges Team ist dieses Startkapital sehr wichtig.

Anna: Wie verliefen die erste Wochen nachdem xeet auf dem Markt war?
Bernd: Nachdem wir zuerst einfach „drauf-los-entwickelten“ und es ein langes hin und her gab, haben wir uns entschlossen, mit einem sehr kleinen Umfang zu launchen, um Kundenfeedback zu bekommen. Ziel war, dass wir in den ersten paar Wochen 10 aktive Gruppen generieren, die wirklich regelmäßig mit xeet ihre Trainings organisieren. Es zählen auch nur Gruppen, die wir nicht persönlich kennen oder von uns direkt angesprochen wurden. Nach dieser Zeit hatten wir allerdings keine einzige Gruppe, die wirklich von selbst darauf kam.
Jakob: Airbnb: „If you launch your product, and nobody notices, launch again“. Wir hatten anfangs eine private Alpha, dann eine öffentliche Beta, und sind in diesem Beta-Zustand offiziell verblieben (preview) haben aber schon öffentlich gewirbelt. Leider kam nie eine entsprechende Antwort vom Markt, bzw. die Zugriffe stiegen – weil wir Werbebudget investiert hatten – aber es entstanden keine neuen User. Nachdem der gesamte Prozess nicht funktionierte versuchten wir diesen in einzelne Schritte aufzuteilen und separat zu messen, um die Customer Journey professionell zu unterteilen. Jedoch haben wir nach einer Weile eingesehen, dass der Need einfach nicht groß genug war.

Anna: War xeet der Start für eure Begeisterung Chatbots zu entwicklen?
Harald: Ja, wir sahen darin Potential, sofern man die Technologie richtig einsetzt.
Stefan: Definitiv. Xeet war ein Bot, bevor es zum Bothype kam und ist damit die Vorstufe zu botential.at.
Bernd: Als wir starteten haben wir überlegt, dass wir so etwas wie einen „Bot“ machen wollen, allerdings war uns das Thema Chatbots damals noch unbekannt. Erst kurz darauf wurde sie bekannt, nämlich als sich Microsoft und Facebook auf Bots konzentrierten. Ab diesem Zeitpunkt beschäftigten wir uns sehr intensiv damit und so entwickelte sich unsere Begeisterung für Bots.

Anna: Wann habt ihr die ersten Hindernisse oder Probleme erkannt?
Stefan: Gegen April 2016. Da sind wir intensiver auf die Zielgruppe zugegangen und haben bei Sportstätten Leute angesprochen. Die Hälfte hatte keinen Bedarf, die andere Hälfte sah im persönlichen Kontakt beim Organisieren einen Vorteil.
Harald: Ich würde sogar schon Jänner 2016 sagen, 3 Monate nach dem Start.
Wir sind von Schule zu Schule gezogen und interviewten Hobbysportler, um Feedback einzuholen.

Bernd: Als wir Ende 2015 eine Marktrecherche durchführten, fanden wir einige Startups und Services, die ziemlich genau das machten was wir uns vorstellten. Aber alle waren irgendwie nur halb fertig und wiesen wenig User auf. Wir wussten nicht so richtig wie wir das interpretieren sollten. Gibt es wenige User, weil diese Startups mit der Idee nur halb fertig sind, oder gibt es keinen Bedarf dafür? Unsere ursprüngliche Idee ging noch mehr Richtung Doodle. Aber genau zu diesem Zeitpunkt hat Doodle begonnen das Angebot zu verbessern. In Österreich gab es das Startup Gatherer, das ebenfalls etwas sehr ähnliches entwickelte, aber schon in der Testphase ihres Produkts waren. Wir haben daraufhin unseren Fokus ein wenig geändert und versucht einen USP herauszuarbeiten.
Jakob: Rückblickend hatten wir auch Probleme bei der Entscheidung welche Features rein kommen sollten. Es war unsinnig nicht in der eigenen Userbase (Audience first!) zu fragen, sondern selbst herumzugrübeln.

Anna: Wie hoch waren die Selbstkosten?
Harald: 1,5 Jahre Entwicklung von 4 Personen + Betriebskosten.
Jakob: Finanziell gesehen etwa 200k Euro + ca 10-20k für Werbung / Marketing und Beratung.

Anna: Zu welche Zeitpunkt habt ihr euch entschieden xeet einzustellen?
Stefan: Als der Weiterbetrieb die anderen Themen, die sich gut entwickelten zu sehr „störte“.
Jakob: Innerlich resigniert hatten ein paar der Gründer schon früher, final erst Ende Juli herum. Die Luft war raus, die Gedanken schon beim nächsten Startup.
Bernd: Da gehen die Meinungen im Team auseinander. Nachdem das Experiment so extrem gescheitert ist, war ich eigentlich der einzige der noch wirklich an xeet geglaubt hat. Die Anderen wollten es eigentlich damals (also August 2016 herum?) schon einstellen. Danach trieb hauptsächlich ich das Thema weiter, wobei speziell Stefan und Jakob auch immer wieder Zeit investierten. Aber schlussendlich musste auch ich einsehen, dass es keinen Sinn mehr macht. Wir haben einfach keine Traction zusammengebracht.  

Anna: Hätte man xeet „retten“ können?
Harald: Vermutlich, die Frage ist nur zu welchen Preis.
Stefan: Aus meiner Sicht nicht.
Jakob: Das war weniger eine Entscheidung von uns als von der Welt.
Bernd: Das ist eine sehr theoretische Frage. Unterm Strich haben wir mit xeet keine Traction zusammengebracht, obwohl wir sehr viel probiert haben. Weitere Versuche hätten viel Zeit und Geld gekostet und die Wahrscheinlichkeit, dass sich dadurch viel verändert, war sehr gering. Auch wenn ich selbst immer noch an die Idee hinter xeet glaube, zweifel ich daran, ob wir es hätten retten können.  

Anna: Wie sehr hat euch xeet für eure berufliche Weiterentwicklung geholfen?
Stefan: Als Team sehr viel. Wir sind damit viel marktfokusierender und zahlengetriebener geworden. Guid.New hat damit von xeet sehr profitiert.
Bernd: Durch xeet lernten wir extrem viel und knüpften sehr viele neue Kontakte. In die Univorlesung „Gründungsgarage“ sind wir nur durch xeet gekommen und dort wurde uns einiges an Wissen vermittelt. Gleiches gilt für den Startup Playground und die Startup Spritzer. Vor xeet wusste ich gar nicht, dass es so viele Veranstaltungen in Graz gibt. Wir waren mit xeet bei sehr vielen Events in ganz Österreich und auch in Deutschland. Überall konnten wir neue Kontakte knüpfen.
Jakob: Enorm. Es war der Beginn der Vollzeit-Selbstständigkeit und die Initialzündung für den Start in eine neue Welt.

Anna: Wie lautet eure „Lessons Learned“?
Harald: Das Wichtigste war, dass man die Augen vor der Realität nicht verschließen sollte, man kann sich zwar Zahlen schön reden, aber irgendwann kommt die Konfrontation mit der harten Realität.
Bernd: Bevor man ein Produkt entwickelt muss der Markt genauer evaluiert werden – wie groß der Need ist. Mit Modellen wie z.B. Lean Startup. Und man muss sich gut überlegen, ob man im B2C Bereich etwas macht.
Jakob:  Work smart, not hard. Einfach ausprobieren. Vernünftig nachdenken. Inhalte und Beratung einholen. Je weniger rückgängig machbar, desto später und vorher alle Risiken abklären (Marktrisiko -> erst Community / Audience aufbauen).

Anna: Hättet ihr mir eurem jetzigen Wissensstand xeet damals anders aufziehen können?
Stefan: Bis April 2016, bis der Bedarf qualifiziert evaluiert war, waren wir schon gut unterwegs, dann stellt sich die Frage, ab wann man den Tatsachen ins Auge sieht.
Harald: Natürlich. Vermutlich hätte es xeet nicht länger als ein paar Wochen gegeben.
Jakob: Ganz anders. Damals haben wir erst entwickelt und dann den Markt gefragt. Das war dumm.

Anna: Wie sehen eure nächsten Schritte aus?
Stefan: Mit botential und Guid.New geht es außergewöhnlich gut voran. Ich glaube das starke Team, das sich durch xeet geformt hat, ist der Hauptgrund dafür. Wir werden weiter in Bots und Softwareproduktentwicklungen tätig sein, wenn sich im Markt zeigt, dass aus einer Produktidee etwas werden kann, bin ich dafür offen.
Jakob: Einer der Top-Anbieter Österreichs für Chatbots werden, und Österreich in der Innovation weitertreiben.

Anna: Wie sehen eure neuen Projekte aus? Worauf dürfen wir in Zukunft gespannt sein?
Harald: Wir behalten immer die neusten Technologien im Auge. Als nächstes werden wir möglicherweise den Schritt in die Welt von AR gehen.
Stefan: Wir entwickeln gerade einen Giftköderwachhund und einen virtuellen Immobilienberater.
Es bleibt immer spannend.
Jakob: Unsere Strategie ist durch Beratung und Auftragsentwicklung von Chatbots mehr über Markt, Bedürfnisse, Ängste, Chancen und Risiken zu erfahren, sodass wir Schwerpunkte finden und für diese Branchenlösungen erstellen. Welche Experimente wir in welchen Branchen durchführen, kann gerne erfragt werden oder auf Webseite / Facebook / Linkedin / Xing verfolgt werden.