Weitwandern und weitdenken?

Beim Wandern erlebt man die Kombination aus Naturverbundenheit, innerer Einkehr und Entschleunigung. Bei Wanderungen über längere Distanzen lernt man auf neuen Pfaden zu gehen und stößt womöglich bis an die eigenen Grenzen.

Bei einer Weitwanderung ist es natürlich wichtig ein Ziel zu haben, denn es wird schwierig einfach „drauf-los-zu-laufen“. Sich einen Überblick verschaffen, welche Wege zum gesetzten Wanderziel führen ist meist der erste Schritt. Will ich einen schnellen, aber beschwerlichen Weg mit einem steilen Aufstieg? Eine längere Panoramastrecke mit schönen Aussichtspunkten? Welcher Weg auch immer zu einem passt und für welche Strecken man sich entscheidet, liegt bei jeden selbst. Maßgebend dabei ist die Einteilung seiner Kräfte. Schließlich besteht das Ziel ja auch immer aus mehreren Zwischenzielen. Wer zu Beginn wie Marathonläufer losstürmt, kann sich womöglich verzetteln.

Der Weg als Unternehmer führt oft durch unbekanntes Terrain. Ohne Ziel und ohne Plan kann es schwierig mit dem Erfolg werden. Ebenso ist eine gute Portion Ausdauer unentbehrlich, egal ob im Job oder beim Wandern.

Ob und wie groß die gezogene Parallele zwischen einer Weitwanderung und dem eigenen Unternehmertum ist, erzählt uns Jakob im folgendem Interview.
Jakob Hohenberger ist Mitgründer von botential.at und der Guid.New GmbH. Er begab sich mit einem Freund diesen Sommer auf eine Weitwanderung durch Österreich.
Wie seine Einschätzung, seine Erfahrung und sein persönliches Fazit lauten, habe ich genau erfragt.

Anna: Jakob, nenne mir drei Schlagworte eurer Wanderung?
Jakob: Planung, Korrektur, Vorbereitung

Anna: Gab es Überschneidungen? Wenn ja, welche?
Jakob: Die Überschneidungen waren sehr eindrücklich. Das prinzipielle Vorgehen war vielleicht teilweise durch mich vorgegeben, wurde aber von meinem Kollegen Mathias ohne großen, oder bewussten, Einfluss ebenfalls vorgeschlagen.
Man setzt sich in weiter Ferne ein Ziel (Vision: Von Graz nach Innsbruck -> 450km), macht einen groben Rahmenplan mit den limitierten Ressourcen (Mission: in 15 Tagen die 450km schaffen -> 30km pro Tag müssen sein) und kann sich dadurch Meilensteine definieren, die täglich erreicht werden müssen. So haben wir etwa alle 30km Orte gesucht, in denen wir nächtigen konnten. Das musste eingehalten werden. Wenn es möglich war über Plan zu arbeiten, haben wir das getan. In weiser Voraussicht, denn es gab genügend Probleme und Umwege, die nicht planbar waren.

Anna: Kannst du eine Parallele zwischen deiner Weitwanderung und deinem persönlichen Unternehmertum erkennen?
Jakob: Die Mittel mit denen man plant: Landkarten, Aussagen von Einheimischen, Google Maps, spiegeln nicht immer die Realität wider, auf die man vor Ort stößt. Das bedingt, dass man improvisieren muss, um den Rahmen einzuhalten. Bei uns war das statt der geplanten 30km mal eine Bergetappe mit über 40km am heißesten Tag, weil eine Brücke gerade durch Wartung gesperrt war. Oder mein Handy für die Koordination, das bei zu starken Regen kaputt wurde.

Anna: Was bedeutet für dich Nachhaltigkeit im Reisen und Nachhaltigkeit im Job?
Jakob: Nachhaltigkeit, abgesehen von ökologischen Faktoren, bedeutet für mich mit den vorhandenen Ressourcen bis zum nächsten Ausgangspunkt zu kommen, um dort mit den neu erworbenen Ressourcen weitermachen zu können. Beim Reisen ist es sich nicht so sehr zu verausgaben, dass man die nächste Unterkunft nicht erreicht. Beim Arbeiten ist es genau so.

Anna: Welche Kenntnisse/Erfahrungen hast du aus dem Wandern mitgenommen?
Jakob: Es macht Sinn einen groben Plan zu machen. Es macht definitiv keinen Sinn zu weit in die Zukunft zu planen. Man weiß nicht, wie die kommende Realität durch Entfernungsunschärfe aussieht. Probleme muss man auf sich zukommen lassen können und lösen, wenn sie da sind. Wie beispielsweise, dass es am vorletzten Tag extrem geregnet hat. Der selbe Umstand hatte uns zu Beginn der Reise warten lassen, aber zu diesem Zeitpunkt war es für uns kein Hindernis mehr, sondern es beschleunigte uns sogar. Nicht der Regen war anders, wir waren es. Je länger wir unterwegs waren, desto leistungsstärker wurden wir.

Anna: Hat dich die Weitwanderung beruflich beeinflusst bzw. hat es dich beruflich zu neuen Überlegungen gebracht?
Jakob: Es hat mich in meiner Annahme bestätigt, dass man Dinge angehen und ausprobieren muss. Detail-Planung hilft für die Schritte, die man als nächstes Geht, nicht aber für die, bei denen man den Weg noch nicht kennt.

Anna: Was bedeutet für dich „unternehmerisch“ denken?
Jakob: Risiken einzugehen, unbekannte Wege zu gehen, und mit Überraschungen und Herausforderungen umgehen zu können. Dabei hilft es auch den Dingen ein „hübsches Mascherl“ zu geben, weil es eine psychologische Auswirkung für sich selbst hat, und auch das gesamte Umfeld, mit dem man interagiert. Iteratives Vorgehen – also beobachten und verbessern – sowie positives Denken und die Lust sich mit dem Thema zu beschäftigen sind die besten Werkzeuge, die ein Unternehmer haben kann.

Anna: Worin liegt deine berufliche Erfüllung?
Jakob: Ich liebe das Aufbauen und Unternehmen neuer Abenteuer. Damit ist das Beobachten von Wachstum (Euphemismus für das Auftreten neuer Probleme und deren Lösung) meine stete Erfüllung. 🙂

Anna: Ist Wandern für dich der ideale Ausgleich zum Job oder der ideale Ausgleich um allgemein „abzuschalten/runterzufahren“?
Jakob: Wandern ist nicht meine Lieblingssportart. Es ist naheliegend, weil das Gehen selbst sehr entschleunigt. Über den Zeitraum von 15 Tagen haben wir bemerkt, dass die ersten zwei Tage bewusst wahrgenommen wurden, sich dann aber eine Selbstverständlichkeit und ein Trott entwickelt hat, der die Zeit wie im Flug vergehen ließ. Ich habe zwar „abgeschalten“, fühlte mich danach aber nicht entsprechend erholt, wie ich es von Urlaub gewohnt war. Erst die letzten 3 Tage als wir wussten, dass wir „über den Berg waren“ haben wir dann wieder wirklich wahrgenommen.
Für den alltäglichen Ausgleich finde ich Freude an  intensiven Sporteinheiten, an denen ich mich neu messen kann. Ich freue mich, wenn ich etwas nicht schaffe, weil ich dann neu meine Grenzen gefunden und neu definieren kann.

Anna: Was würdest du bei der nächsten Reise anders machen?
Jakob: Ich werde meine nächsten Reise sportlicher gestalten. 🙂

Anna: Wie lautet dein „Wunsch“ für euer Unternehmen/ Welche Träume verbindest du mit eurem Unternehmen?
Jakob: Ich möchte, dass es meinen Kollegen gut geht; dass sie in ihrer Arbeit Freude und Bestätigung finden, damit wir gemeinsam neue Wege gehen können.

Beim Wandern und auch im berufliches geht es um Wege und Distanzen, die man möglicherweise noch nie zuvor zurückgelegt hat. Man verschiebt dabei Grenzen und entdeckt vor allem sich und sein Können.
Einen körperlichen und mentalen Ausgleich kann man bei Wanderung aller Art definitiv erleben und somit danach (wieder) voll und ganz im Job durchstarten.
Denn oft entstehen Grenzen nur im Kopf. Um diese Grenzen zu überschreiten und Hürden zu meistern, bedarf es einer gewissen Ausdauer, Willensstärke und vor allem Mut.
Jakob hat uns das vorgemacht und gezeigt, wie er mit Wandern und seinem Unternehmen im Einklang ist.

Vielen Dank für diesen Einblick.